‚Lernziele formulieren‘ ist Gegenstand Ihrer Ausbilderprüfung

Wozu dienen Lernziele?

Lernziele sind Gegenstand Ihrer schriftlichen und praktischen Ausbildereignungsprüfung

Die Lernziel-Idee stammt von Robert F. Mager (* 1923). Mager war ein US-amerikanischer Pädagogik-Professor.

Von ihm stammt der plakative Hinweis an die Pädagogik-Studenten: „Wer nicht genau weiß, wohin er will, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ganz woanders ankommt!“

Mager wollte die angehenden Pädagogen mit diesem Satz motivieren, vorab genau festzulegen, was die Lernenden zum Ende eines Lernprozesses erkennbar und nachprüfbar können sollen. Deshalb sollten sie Lernziele formulieren!

Eine passende Lernziel-Formulierung könnte zum Beispiel sein: „Der Azubi soll nach Durchführung des Unterrichtes beschreiben können, was ein Ablaufdiagramm ist und inwiefern es nützlich ist.“

Typischerweise wird das Lernziel verkürzt formuliert: „nach Durchführung des Unterrichtes beschreiben, was ein Ablaufdiagramm ist und inwiefern es nützlich ist.“

Wenn Sie für Ihre Ausbildereignungsprüfung Lernziele formulieren, verwenden Sie also bitte ein Verb, das ein beobachtbares Verhalten des Lernenden enthält.

Die Aufzählungen von Substantiven reicht für die eindeutige Festlegung von Lehr- bzw. Lerninhalten nicht aus. Ein solches ungeeignetes Stichwort wäre in diesem Fall: „Ablaufdiagramm„.

Wenn es Lernziele gibt, sollte es auch hierzu passende Erfolgskontrollen geben. Eine passende Lernerfolgskontrolle lautet: „Bitte beschreiben Sie, was ein Ablaufdiagramm ist und inwiefern es nützlich ist!“

Konkretisierungsgrade

Lernziele werden hinsichtlich ihrer Eindeutigkeit in drei Arten unterschieden: Richtlernziele, Groblernziele und Feinlernziele.

Lernziele werden hinsichtlich ihrer Eindeutigkeit in drei Arten unterschieden.

Die Einteilung von Lernzielen in diese drei Arten ist willkürlich: Man könnte sie durchaus in nur zwei oder in vier oder mehr Präzisionsgrade beziehungsweise Konkretisierungsgrade unterteilen.

Die Grafik verdeutlicht außerdem, dass es bei den drei oder vier oder mehr Konkretisierungsgraden jeweils Bandbreiten gibt. Also auch ein Feinlernziel kann nur ‚ziemlich präzise‘ oder ’super präzise‘ formuliert sein.

Feinlernziele werden auch als Feinziele oder als Teilziele bezeichnet..

zumindest: Beobachtbarkeit

Man spricht von operationalisierten Feinlernzielen (nach Ioana Velica), sofern …

  1. beobachtbare und damit messbare Verhaltensweisen des Lernenden beschrieben sind, die er nach Abschluss des Lernprozesses beherrschen soll. Hierfür müssen geeignete Verben verwendet werden. – Nicht geeignet sind zum Beispiel ‚wissen‘ und ‚kennen‘.
  2. Bedingungen genannt sind, unter denen das Verhalten des Lernenden gezeigt werden soll. – Beispiele: „innerhalb von zehn Minuten“ oder „unter Zuhilfenahme des Gesetzestextes“.
  3. ein Bewertungsmaßstab angegeben worden sind, nach denen entschieden werden kann, ob der Schüler das Unterrichtsziel erreicht hat und inwieweit. Ein Bewertungsmaßstab kann zum Beispiel sein: „acht der zehn Kriterien präzise nennen“.

Die geeigneten Verben müssen jeweils zumindest ein beobachtbares und insofern prüfbares ‚Endverhalten‘ der Lernenden beschreiben, zum Beispiel nennen, erläutern und darstellen.

Pikant: Die IHK-Prüfungsausschüsse verlangen innerhalb der Ausbilderprüfungen, dass die Prüflinge korrekte Feinlernziele formulieren. Aber die ‚Obergesellschaft‘ der IHKs, nämlich der ‚DIHK – Deutscher Industrie- und Handelskammertag e.V.‘ verwendet absolut falsch formulierte Feinlernziele, siehe verlinkte PDF, Seiten 3 und 4

Wichtig: Immer mehr IHK-Prüfungsausschüsse bei den Ausbilderprüfungen erwarten, dass die Feinziele auch Bedingungen enthalten. – Muster: „mindestens drei der vier Vorteile nennen und erklären“

Halten Sie im Unterweisungsentwurf für Ihre Ausbilderprüfung auf jeden Fall ein korrekt formuliertes operationalisiertes Feinziel fest.

Lernziele nach Inhalten unterscheiden

grafische Darstellung der drei Lernziel-Bereiche

Lerninhalte können in die drei Lernbereiche kognitiv, affektiv und psychomotorisch unterschieden werden:

  • kognitiver Lernbereich / kognitive Lernziele: Wissen, Kenntnisse (HIRN)
  • affektiver Lernbereich / affektive Lernziele: innere Einstellung, Überzeugungen, Normen, Wertehaltungen (HERZ)
  • psychomotorischer Lernbereich / psychomotorische Lernziele: Bewegungsabläufe, handwerkliche Tätigkeiten (HAND)

Häufig betrifft ein Feinziel nicht nur einen Lernbereich, sondern zwei oder sogar alle drei Lernbereiche.

Die Unterscheidung nach Lernbereichen hat den Vorteil, dass Sie damit die passenden Unterrichtsmethoden bestimmen können: Sofern Sie innerhalb des praktischen Teils Ihrer Ausbilderprüfung zum Beispiel folgendes überwiegend psychomotorisches Feinlernziel vermitteln wollen,

 „mit einem Dressierbeutel vorgefertigte Blätterteigtartelettes mit Forellenmousse füllen und das Canapé garnieren“

… wäre ein Unterricht nach der 4-Stufen-Methode angemessen.

Faustformel:

  • überwiegend kognitive Lernziele: Lehrgespräch
  • überwiegend affektive Lernziele: Lehrgespräch (auch Gruppenarbeit, Rollenspiel, Projektmethode)
  • überwiegend psychomotorische Lernziele: 4-Stufen-Methode

Wenn es Ziele gibt, muss es auch Kontrollen geben, um zu prüfen, ob sie erreicht worden sind. – Ob affektive Feinlernziele erreicht worden sind, lässt sich durch herkömmliche Erfolgskontrollen kaum überprüfen, eher durch Beobachtung im beruflichen Alltag.

Beispiele, wie Sie Feinlernziele für die drei Lernbereiche formulieren

kognitiver Lernbereich

  • mindestens drei Vorteile von XY aufzählen und erläutern
  • die drei Varianten der XY nennen und erklären

psychomotorischer Lernbereich

  • die Zifferntastatur blind bedienen
  • den Sonnengruß (Yoga-Übung) korrekt durchführen

affektiver Lernbereich

  • auf Kundenbeschwerden verständnisvoll reagieren
  • Hinweise auf Fehlverhalten anhören wollen

weitere Vorteile von Lernzielen

  • Sofern Sie, als Ausbilder, zu Beginn Ihrer Unterrichtsplanung das Lernziel präzise festlegen, erhöhen Sie damit die Chance, Ihren Unterricht bedarfsgerecht auszurichten, anstatt zu anderen Inhalten abzuschweifen.
  • Sofern Sie zu Beginn Ihres Unterrichts das Lernziel bzw. die Lernziele nennen, ist das für die Azubis motivierend: Die Azubis stimmen sich damit darauf ein, was sie gleich lernen werden. Das gilt übrigens auch für die Ausschreibung von Seminarinhalten: Interessierte können dadurch besser beurteilen, ob das angebotene Seminar mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt.
  • Feinziele erleichtern es Ihnen, die Inhalte und die Formulierung der Erfolgskontrollen festzulegen.

Lernzieltaxonomie

Unter der Lernzieltaxonomie versteht man die Einordnung von Lernzielen nach dem Schwierigkeitsgrad.

Es ist zum Besipiel viel einfacher, die Sozialversicherungsarten nur aufzuzählen als sie zum Beispiel auch zu beschreiben.

Oder es ist zum Beispiel viel einfacher, zu erklären, was man unter einem kundenorientierten Verhalten versteht, als sich auch kundenorientiert zu verhalten.

Es gibt unterschiedliche Lernzieltaxonomien, zum Beispiel eine mit vier und eine mit fünf und eine sogar mit neun Schwierigkeitsgraden.

In der Praxis ist es unwichtig, bestimmen zu können, zu welchem theoretischen Schwierigkeitsgrad ein Lernziel gehört. Viel wichtiger ist es, dass Sie, als Ausbilder, sich an die vorgegebenen Ziele halten: Bei der Formulierung „erklären können“ sind der Unterrichtsaufwand und der Lernaufwand höher als bei „aufzählen können“.

Wenn Ihnen, als Ausbilder, zum Beispiel das Unterrichtsziel
vorgegeben wird: „Der Azubi soll sich auch im Reklamationsfall kundenorientiert verhalten.“, dann reicht es nicht, wenn Ihr Azubi zwar erklären kann, was man unter Kundenorientierung im Reklamationsfall versteht, sondern er soll sich nach Ende des Lernprozesses im Reklamationsfall kundenorientierter verhalten als zuvor.

Falls Sie im Fachgespräch Ihrer Ausbildereignungsprüfung zur Lernzieltaxonomie befragt werden sollten, antworten Sie bitte nicht, dass es hierbei darum geht, zunächst leichtere und erst später schwieriger Inhalte zu vermitteln. Diese Aussage ist zwar in sich richtig (Es handelt sich um ein ‚pädagogisches Prinzip‘.), hat aber nichts mit der Lernzieltaxonomie zu tun!

Verwendung von Lernzielen in der Berufsausbildung

Symbolbild: Azubi im Büro

Die Ausbildungsordnungen der etwa 325 anerkannten Ausbildungsberufe nennen die Richtlernziele und die Groblernziele des jeweiligen Ausbildungsberufes.

Wo finden Sie die verbindlichen Richtlernziele?

Die Richtlernziele finden Sie im jeweiligen Ausbildungsberufsbild.

Das Ausbildungsberufsbild zum Beispiel der Büromanagementkaufleute enthält unter anderem folgende:

  • Informationsmanagement
  • Informationsverarbeitung
  • bürowirtschaftliche Abläufe
  • Koordinations- und Organisationsaufgaben
  • Kundenbeziehungen

Die Richtlernziele innerhalb der Ausbildungsordnungen sind jeweils nur als Substantive formuliert.

Wo finden Sie die verbindlichen Groblernziele?

Die Grobziele finden Sie jeweils im Ausbildungsrahmenplan der Ausbildungsordnungen. Der Ausbildungsrahmenplan ist die Kurzbezeichnung für „Anleitung zur sachlichen und zur zeitlichen Gliederung der Berufsausbildung“.

In der Anleitung zu sachlichen Gliederung werden die Groblernziele unter
„zu vermittelnde Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten“ aufgezählt.

Der Ausbildungsrahmenplan zum Beispiel der Kaufleute im Groß- und Außenhandel enthält unter anderem folgende Groblernziele:

  • Aufgaben und Bedeutung des Groß- und Außenhandels im Rahmen der Gesamtwirtschaft beschreiben
  • Zielsetzung und Tätigkeitsfelder des Ausbildungsunternehmens sowie seine Stellung am Markt erläutern
  • Geschäftsbeziehungen innerhalb und außerhalb der Europäischen Union darstellen
  • Art und Rechtsform des Ausbildungsunternehmens darstellen

Die Groblernziele innerhalb des Ausbildungsrahmensplans sind jeweils mit einem Verb formuliert, das auf ein beobachtbares Endverhalten abzielt.

Und wo finden Sie die Feinlernziele?

Auf der Grundlage der Groblernziele im Ausbildungsrahmenplan leiten Sie, als Ausbilder, die Feinziele ab!

Zur Vorbereitung auf Ihre Ausbildereignungsprüfung können Sie aber auch ‚rückwärts‘ vorgehen:

  • Überlegen Sie sich zunächst einen kleinen Lerninhalt, den Sie im praktischen Teil Ihrer Ausbildereignungsprüfung vermitteln wollen.
  • Leiten Sie hieraus ein operationalisiertes Feinziel ab.
  • Ordnen Sie dieses Feinlernziel dem passenden Groblernziel des Ausbildungsrahmenplanes und dem passenden Richtlernziel des Ausbildungsberufsbildes zu.

Wichtig: Schreiben Sie in Ihren Unterweisungsentwurf für die Ausbildereignungsprüfung Ihr sauber formuliertes Feinlernziel rein und beziehen Sie dieses Feinlernziel auf die in der Ausbildungsordnung genannten Richt- und Grobziele.

wichtiger Hinweis für Ihre Vorbereitung auf die Ausbildereignungsprüfung

Ein Teilnehmer meines AEVO-Prüfungsvorbereitungsseminars hatte bei seinem Lehrgespräch das kognitive Feinlernziel so formuliert:

“… wird die versicherten Gefahren in der Teilkaskoversicherung aufzählen und erklären können.”

Diese Art von Feinzielen habe ich seit etwa 30 Jahren in meinen Seminaren zur Vorbereitung auf die Ausbildereignungsprüfung unterrichtet und als einwandfrei bezeichnet. Und mit dieser Art von Feinzielen hatten sehr viele meiner Seminarteilnehmer im praktischen Teil der Ausbildereignungsprüfung auch die Note „SEHR GUT“ erreicht.

Jetzt gibt es zumindest einen IHK-Prüfungsausschuss, der das oben genannte kognitive Feinziel als unzureichend bemängelt hatte „nicht eindeutig (messbar)“ und deshalb sechs von zehn möglichen Punkten zum Teilbereich ‚Planung‘ abgezogen hatte:

 Lernziel als unzureichend bemängelt "nicht eindeutig (messbar)"

Bislang ist mir keine anerkannte Literaturquelle bekannt, in der ausgesagt wird, dass ein gültiges Feinziel unbedingt mindestens zwei oder sogar alle drei der oben genannten Bestandteile aufweisen muss. (siehe Absatz oben: operationalisierte Lernziele)

Und das war einmal ein Aufgabenmuster der DIHK Bildungs GmbH:

Fehlerhaftes Aufgabenmuster der DIHK Bildungs GmbH:

Die komplette Seite können Sie hier als PDF downloaden.

Die ganz präzise Messbarkeit scheint mir häufig gar nicht möglich zu sein: Wie sollte das zum Beispiel bei folgendem Feinziel (innerhalb der Ausbildereignungsprüfung) formuliert werden? “Azubi wird den wichtigsten Vorteil des Produktes XY darstellen können.”

Eine Teilnehmerin meines AEVO-Seminars hatte ihr Feinziel so formuliert:

„Die Auszubildende wird die fünf wesentlichen W-Fragewörter zur Erfassung eines Schadenfalles benennen und aufschreiben können.“

möglich wäre auch folgende Formulierung gewesen: „… wird mindestens vier der fünf erarbeiteten wesentlichen W-Fragewörter …“

Hier können Sie zum Thema „Formulierung von Feinzielen“ meine kontroverse Diskussion mit einem IHK-Prüfungsausschussmitglied lesen (PDF).

Inwieweit können Sie folgende Fragen beantworten?

  • Aus welchen drei formalen Bestandteilen setzt sich ein operationalisiertes Lernziel zusammen?
  • Für welche drei Lernbereiche, das heißt für welche grundsätzlich unterschiedlichen Lerninhalte, können Lernziele formuliert werden?
  • Wie lautet eine der möglichen mnemotechnischen Lernhilfen, um sich an die 5-stufige Lernzieltaxonomie leichter erinnern zu können?
verkleinert Lernkarten: 185, 187, 202

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